Die Rostra



Die RostraVon dieser Bühne aus sprachen die Staatsmänner Roms zum Volk. Mit dem Seesieg über den Erzrivalen Karthago war Rom jählings zur führenden Seemacht der Alten Welt geworden. Die Römer, mit dem Element Wasser wenig ver­traut, hatten ein gestrandetes karthagisches Kriegsschiff nachgebaut, es aber mit einer herunter klappbaren En­terbrücke versehen, deren Dorn sich durch die Wucht des Aufpralls in die Planken des feindlichen Schiffes bohrte. So konnten die im Nahkampf erprobten Legionen ihre gewohnte Kriegstaktik auf den Schiffskampf übertragen. Die Schiffsschnäbel der karthagischen Schiffe sägten sie ab und befestigten sie als Zeichen des Triumphes an einer Säule ihrer Rednertribüne zusammen mit einer Sammlung von Ankern. Daher auch der lat. Name "rostra", d.h. Schiffsschnäbel. Die Nachbildung solcher Schiffsschnäbel, oder besser gesagt Rammsporne, werden wir beim Aufgange von der Piazza del Popolo zum Monte Pincio sehen.

Traurige Berühmtheit erlangte die Rednertribüne, als während der Zeit der Bürgerkriege die Staatsmänner, die im Besitz der Macht waren, die abgeschlagenen Köpfe ihrer Gegener an dieser, allen sichtbaren Stelle anbringen ließen. Hier hingen auch die Hände und der Kopf des größten Redners der Römer, CICERO, der nach Caesars Ermordung die Partei des späteren Augustus (damals noch Oktavian) gegen Marcus Antonius ergriff. Als die politische Lage die beiden Gegner zu einer Einigung zwang, legte Marcus Antonius seinem Gegner eine Wunschliste vor, auf der auch der Kopf Ciceros verzeichnet war. Die Mörder erreichten Cicero auf seinem Landgut. Lebensmüde entblößte er willig für die Häscher seinen Hals, der zusammen mit der rechten Hand nach Rom gesandt wurde, wo Mark Anton und seine Gattin Fulvia, eine der stadtbekanntesten Hetären, gerade beim Bankett saßen. Mark Anton hob strahlend vor Freude das blutige Haupt des Orators in die Runde, während Fulvia die Zähne öffnete und die Zunge herauszog, die ihr so großen Ärger bereitet hatte. Um die Gewalt des Redners, der wenige Gelegenheiten ausgelassen hatte, sie und ihren Mann mit Spott und Beschimpfungen zu überschütten, auch symbolisch zu bannen, zog sie sich eine Haarnadel aus ihrem Haar und durchstach die Zunge des Politikers. Kopf und Hand wurden anschließend an der Rostra zur Abschreckung der Gegner angebracht.