Texte zum Sittenexkurs in Sallusts Catilinae Coniuratio

Wilhelm Morlang : Römische Wertbegriffe im Lateinunterricht

Eine Grunderkenntnis der modernen Soziologie läßt nun grundsätzlich Sallusts Denkmodell des 'Sittenverfalls' als überholt erscheinen. Diese Erkenntnis lautet: Allgemeingesellschaftliche Veränderungen ziehen immer auch Veränderungen im sittlich-moralischen Bereich nach sich. Für diesen Standpunkt eines absoluten ethischen Relativismus nennt Sallust selbst solche gesellschaftlichen Veränderungen: Die Zeit vor 146 ist eine Zeit des inneren Aufbaus des Staates und besonders der äußeren Machtausdehnung (7,3;10,1), in der Zeit nach 146 herrscht im außenpolitischen Bereich 'otium' (10,2) und innenpolitisch strömen ungeheure 'divitiae' nach Rom, was Wohlstand bedeutet (10,2). Der moderne Historiker könnte weitere Veränderungen im gesellschaftlichen Bereich nennen: das Eindringen griechischer Philosophie, das Aufkommen orientalischer Kulte in Rom, die Emanzipation der Frau usw.. Dies alles bewirkte eine Veränderung im "Sozialcharakter" der Römer. Versucht man diese Veränderung zu formulieren, wobei man Sallusts Kernaussage ohne den negativen Aspekt der von ihm gebrauchten Begriffe zugrunde legt, so könnte man sagen: Die Menschen vor 146 finden die Richtpunkte für ihr Handeln im Einsatz für die res publica und in den Werten der 'maiores'. Die Menschen nach 146 richten ihr Handeln weit mehr nach den Interessen der eigenen Person aus und setzen sich neue Werte. Nur weil Sallust solche grundsätzlichen Veränderungen im Wertesystem nicht erkennt, erscheinen ihm die neuen Verhaltweisen als 'Sittenverfall' gegenüber den 'mores maiorum'.

Der folgende Text gibt einen Versuch wieder, innerhalb der menschlichen Normen und Wertvorstellungen eine grundlegende Einteilung vorzunehmen.

Gerhard Szczesny: Das sogenannte Gute

Die Mitglieder einer Gesellschaft - welche verschiedenen Glaubensüberzeugungen und Lebensweisen sie sonst trennen sollten - werden zusammengehalten von einem kodifizierbaren Minimalkatalog individual- und sozialethischer Normen ... Bei diesen Basiswerten hat man einen quantitativ kleinen Bestand von "absoluten", in der Natur des Menschen begründeten und einen quantitativ großen Bestand von "relativen", von Kultur zu Kultur und Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe wechselnden Werten zu unterscheiden. Zu den absoluten Werten, die zum Bios1 des Menschen gehören und Geltung haben, seitdem es Lebewesen gibt, gehören alle Gebote, die sich auf die Erhaltung des eigenen Lebens und die Erhaltung des Lebens der unmittelbar Nächsten beziehen - zu den relativen, kultur- und zeitbedingten, also dem ständigen Wandel unterworfenen Normen gehören fast alle Konventionen, die beispielsweise die Eigentums-, die Sexual-, die Sozialordnung betreffen. Bei diesen Normen handelt es sich um das gemeinsame Erbe an Traditionen und Konventionen, das alle Mitglieder einer Gesellschaft übernehmen und von dem sie sich in dieser oder jener Hinsicht habituell oder intellektuell absetzen, aber im ganzen doch nicht lösen können.

1 (griech.:) Leben
 
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